Platz 6 Jahresbestseller 2013

Kluftingers siebter Fall


Darum geht's:

Kluftinger ist sich sicher: Bei einem anonymen Handyanruf, der ihn ausgerechnet während einer der gefürchteten Pressekonferenzen seines Chefs erreicht, wird er Zeuge eines Mordes. „Alpträume von zu viel Schweinsbraten“, tun seine Kollegen diesen Verdacht ab. Kluftinger ermittelt auf eigene Faust und findet am vermeintlichen Tatort jede Menge Blut, aber keine Leiche. Da überschlagen sich die Ereignisse: Mehrere brutale Mordfälle, anscheinend ohne Zusammenhang, erschüttern das Allgäu. Als dann doch noch der Großteil des abgängigen Toten auftaucht und Kluftinger endlich herausfindet, was all die Verbrechen verbindet, ist es fast schon zu spät ...

Dabei steht er auch privat unter Druck: Seit Tagen leidet er unter heftigem Herzstechen und  befürchtet sofort das Schlimmste. Eine demütigende Untersuchung bei Erzfeind Doktor Langhammer scheint das zu bestätigen. Doch der Kommissar ist entschlossen, das Ruder noch einmal herumzureißen. Aber ob fleisch- und kässpatzenarme Ernährung und ein Yogakurs da die richtigen Mittel sind?

Bildergalerie

Der neue Fall fhrt Kluftinger zum "Wald der Sterbekreuze" in Altusried.

Wer sind die Schattengestalten, hinter denen der Kommissar her ist?

Es braut sich was zusammen ber dem Allgu.

Ein Jahrmarktbesuch bringt fr Kluftinger ...

...nicht nur allerlei turbulente Erlebnisse ...

... sondern auch einen Geistesblitz, der ihn im Fall weiterbringt.

Wohin fhrt Kluftingers Weg in Herzblut?

Mehr als einmal sucht der Kommissar gttlichen Beistand.

Herzblut gibt's auch als Hörbuch

Hier ein Einblick in die Hörbuch-Produktion

Leseprobe Herzblut

Erster Tag

 

„Nicht hinschauen, zefix. Nichthinschauennichthinschauenbloßnichthinschauen!“ Kluftinger schlug den Kragen seines Lodenmantels hoch. Ein ungewöhnlich langer und harter Winter neigte sich nun dem Ende zu. Dennoch fröstelte ihn seit drei Tagen immer aufs Neue, wenn er über den Innenhof seiner Dienststelle laufen musste. Vorbei an dem Taxi in der kleinen Fahrzeughalle. Dem Taxi mit der gesplitterten Windschutzscheibe. Mit der blutbespritzten gesplitterten Windschutzscheibe.

Mindestens zehn Mal war er schon hier entlang gegangen, hatte seinen Blick nicht abwenden können, hatte die Männer in den weißen Ganzkörperanzügen angestarrt, die Klümpchen geronnenen Blutes vom geborstenen Glas kratzten. Die das gesamte Auto mit ihrem schwarzen Pulver überzogen, um jeden noch so flüchtigen Fingerabdruck zu sichern.

Er hatte schon mit dem Gedanken gespielt, an diesem Abend einen anderen Weg zu seinem Büro zu nehmen, doch das war auch eine Frage der Ehre. Seine Kollegen trieben genug Spott mit ihm wegen seiner Leichenunverträglichkeit, da wollte er ihnen keine unnötige Angriffsfläche bieten.

Ein Blitz ließ den Hauptkommissar zusammenzucken. Er blickte zu dem Mann mit dem Fotoapparat, der aussah wie einer dieser Astronauten von der ersten Mondlandung. Langsam hob der Vermummte die Hand und winkte Kluftinger zu.

Pfeifend sog der Kommissar die Winterluft in seine Lungen. Er war froh um die Kälte, so musste er sich wenigstens keine Sorgen um irgendwelche Gerüche machen, die möglicherweise von dem Gefährt ausgingen. Er hob den Kopf und schaute in einen sternklaren Himmel. Es könnte heute Nacht noch einmal eisig werden. Sein Blick kehrte zurück zur Garage. Obwohl er am liebsten schnell weitergegangen wäre, stand er einfach nur da, die Hände tief in seinen Manteltaschen vergraben, die Augen auf das Taxi gerichtet. Während er auf das Auto starrte, das in der von Neonröhren grell erleuchteten Fahrzeughalle stand, schossen ihm Bilder durch den Kopf, von denen er wusste, dass sie ihn noch lange verfolgen würden. Es musste ebenso dunkel gewesen sein wie jetzt, als der Schuss gefallen war. Und ebenso kalt. Vor drei Tagen. Mitten ins Herz. Von hinten. Wie kaltblütig konnte man sein ...

„He, Klufti, jetzt kostet’s dann bald Eintritt!“ Willi Renns Stimme drang gedämpft aus einem der Anzüge. Der Leiter des Erkennungsdienstes war ganz in seinem Element. Ihm hatten sie es zu verdanken, dass das Taxi wie die Attraktion einer makabren Geisterbahn in ihrem Hof stand. Da sich die Tat komplett im Wagen abgespielt hatte, und auch außerhalb des Tatorts keine nennenswerten Spuren zu finden gewesen waren, hatte Willi veranlasst, das Taxi hierher zu bringen, um es mit seinem Team genau unter die Lupe zu nehmen. Ihm schien es nichts auszumachen, den Schauplatz eines so grausamen Verbrechens im Erdgeschoss stehen zu haben.

Kluftinger winkte genervt ab und ging weiter. Er war nicht in der Stimmung für Willis Sticheleien. Doch Renn ließ nicht locker und rief ihm etwas hinterher, von dem er nur das Wort „Pressekonferenz“ verstand. Er wandte sich noch einmal um: „Willi, mit Menschen in Ganzkörpersocken kann ich nicht vernünftig reden. Außerdem pressiert’s mir.“

Er sah auf die Uhr. In zehn Minuten würde jene Pressekonferenz beginnen. Polizeipräsident Lodenbacher hatte sie angesetzt, weil man dringend etwas zur Beruhigung der Leute tun müsse, wie er sich ausgedrückt hatte. Kluftinger verstand das sogar: Der Buchloer Taximord, wie er inzwischen in den Medien genannt wurde, hatte für großes Aufsehen gesorgt. Ein derart brutales Verbrechen im Allgäu – da hatten es viele mit der Angst zu tun bekommen.

Der Haken an der Sache war nur: Sie hatten nichts vorzuweisen, was zu einer Beruhigung hätte beitragen können. Alles, was sie hatten, war dieses verfluchte Taxi mit durchschossenem Fahrersitz und jeder Menge Blut auf Scheibe, Armaturen und ... einfach überall. Und einen Mörder, der nach wie vor frei herumlief und weiß Gott was im Schilde führte. Zudem ahnte Kluftinger, dass Lodenbacher einmal mehr ihm die Aufgabe zuschieben würde, der Öffentlichkeit irgendetwas zu vermelden, was wenigstens ein bisschen nach Ermittlungserfolg aussah.

Als er am Eingang zum Trakt mit dem großen Konferenzraum angelangt war und die Hand schon das kalte Metall der Türklinke berührte, hielt er noch einmal inne. Er versuchte die Bilder in seinem Kopf loszuwerden, um sich für die nun anstehende Aufgabe zu sammeln, doch alles, was ihm gelingen wollte, war ein gezischter Fluch: „Kreizhimmel!“ Dann öffnete er die Tür.

Das Gewimmel traf ihn zwar nicht unvorbereitet, dass es aber derart zugehen würde, hatte er nicht erwartet. Überall standen Leute mit Kameras, Mikrofonen und Fotoapparaten herum, ab und zu zuckte ein Blitzlicht, alle redeten aufgeregt durcheinander. Kluftinger senkte den Kopf, um möglichst ungesehen an den Pressevertretern vorbei zu kommen, von denen er nur die wenigsten kannte. Die Logos auf ihren Geräten verrieten, dass sich mittlerweile ganz Deutschland für diesen spektakulären Fall interessierte.

Der Kommissar hatte es beinahe bis in den kleinen Besprechungsraum geschafft, da hörte er hinter sich eine durchdringende Stimme über den Gang rufen: „Ah, der Herr Hauptkommissar. Du, Klufti, komm, können wir vorher noch schnell was machen?“ Er seufzte. Die Stimme gehörte Rainer Leipert, dem Fotografen der Lokalzeitung, der immer dann zur Hochform auflief, wenn besonders viel auswärtige Presse anwesend war. Dann konnte er den Kollegen zeigen, wer hier der Platzhirsch war und wer über die besten Kontakte verfügte. Mit einem gequälten Lächeln drehte sich Kluftinger zu dem Fotografen um, der hektisch winkend auf ihn zukam: „Du, Rainer, es ist jetzt ganz ...“

„Papperlapapp, nur schnell ein paar Fotos vorab. Bevor die ...“, bei diesen Worten rümpfte er verächtlich die Nase und deutete auf die anderen Pressevertreter, „... auf euch losgelassen werden.“

„Na, wirklich, ich ...“

„Jetzt komm, ich hab mir schon was überlegt: Du stellst dich ins Foyer vor die Vitrine mit den historischen Polizeimützen und ...“

„Heu, der Lodenbacher ist ja auch schon da!“, unterbrach ihn Kluftinger und deutete vage in Richtung Eingang. Er wusste, dass Leiperts Aufmerksamkeit sehr selektiv war und immer dem gerade ranghöchsten oder prominentesten Anwesenden galt.

„Wo?“, bellte der und entschwand in die Richtung, in die Kluftinger gezeigt hatte.

Der Kommissar stieß erleichtert die Luft aus und verschwand in einem kleinen Besprechungsraum. Die Stimmung hier unterschied sich drastisch von dem aufgekratzten Gewusel auf dem Gang. Eugen Strobl und Roland Hefele saßen gelangweilt am Tisch und spielten wortlos mit den Kaffeebechern in ihren Händen. Sie sahen nur kurz auf, als ihr Chef den Raum betrat, und versanken dann wieder in ihrer Lethargie. Nur Richard Maier lief aufgeregt hin und her, wobei er angestrengt auf die Karteikärtchen in seinen Händen starrte und halblaut vor sich hin sprach. Kluftinger setzte gerade an, die anderen Kollegen zu fragen, was Maier da treibe, da kam von Strobl schon die Antwort: „Der Richie ist heut wichtig. Ist doch seit neuestem stellvertretender Pressebeauftragter. Und der echte ist ausgerechnet jetzt in Urlaub, wo’s mal was zu vermelden gibt. Da muss jetzt eben der Herr Maier die Journalisten foltern ...“

„Moderieren“, blaffte Maier zurück.

„Hm?“

„Ich moderiere die Pressekonferenz, koordiniere die Fragen, delegiere die Antworten ...“

„... traktiere die Kollegen so lange, bis ich mich ganz schlimm blamiere“, vollendete Hefele.

„Wie bitte?“, fragte Maier gereizt.

„Du weißt schon, was ich meine.“

„Meinst du, ich mach das gerne? Hier vor die Presse zu gehen?“

Die anderen drei Kollegen sahen sich vielsagend an.

Maiers Gesicht verfärbte sich rot. „Ist mir doch egal, was ihr denkt. Ich würde mir an eurer Stelle lieber mal überlegen, warum die mich dafür ausgesucht haben und nicht einen von ... euch.“ Dem letzten Wort verlieh er einen abschätzigen Unterton.

„Weil wir nicht so mediengeil sind?“, versuchte Hefele eine Antwort.

„Oder weil wir lieber richtige Polizeiarbeit machen?“, sprang Strobl ihm bei.

Kluftinger hatte das Gefühl, die Situation entschärfen zu müssen. „Jetzt beruhigt’s euch alle mal. Keiner von uns freut sich über so dämliche Pressekonferenzen.“ Maier wollte etwas sagen, doch der Kommissar ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Und trotzdem sind wir hier, weil das heutzutage halt dazu gehört. Also reißt’s euch zusammen, dann haben wir’s wenigstens schnell hinter uns.“

Es klopfte an der Tür und ein uniformierter Polizist steckte seinen Kopf herein. „Wo bleibt ihr denn, es geht gleich los.“

„Also dann, Leut, fangen wir an, wird mer fertig, kommt mer heim!“, sagte Kluftinger und klatschte in die Hände.

„Und schaltet bitte eure Handys aus“, fügte Maier noch hinzu, worauf sein Chef ihn seufzend durch die Tür schob.

 

 

Die Journalisten hatten bereits Platz genommen und ihre Kameras und Mikrofone aufgebaut; das Durcheinander war nunmehr einer gespannten Ruhe gewichen. Nur hin und wieder klackte ein Fotoapparat. Kluftinger wunderte sich, dass auch Georg Böhm an den zusammengerückten Tischen saß, die das Podium bildeten. Dass Lodenbacher selbst den Gerichtsmediziner her zitiert hatte, zeigte, wie wichtig ihm die Veranstaltung war. Gerade als sie sich setzten, stürmte auch noch Willi Renn in den Raum, zu Kluftingers Entsetzen noch immer in dem weißen Ganzkörperanzug, mit dem er eben noch in dem blutbesudelten Taxi ...

„Meine Herrn, die Damen!“ Dietmar Lodenbacher bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Kluftinger merkte an seinen gravitätischen Gesten, mit denen er sich Platz verschaffte, dass er groteskerweise sehr zufrieden über den großen Zuspruch schien.

Er hatte das Podium noch nicht erreicht, da rief ihm einer der Journalisten zu: „Wo ist denn der Pressesprecher, der Herr Bachmann?“

„Der ist im Urlaub. Offenbar hat er hellseherische Fähigkeiten.“

Kluftinger beobachtete anerkennend, wie Lodenbacher mit ein paar Scherzen die Stimmung auflockerte. Die nächste Bemerkung trübte diese jedoch gleich wieder ein: „Der Herr Maier wird heute die Pressekonferenz leiten.“

„Au weh!“, raunte einer der Journalisten und erntete dafür leises Gelächter nicht nur seiner Kollegen. Maier ignorierte es einfach und ordnete seine verschiedenfarbigen Karteikärtchen.

Kluftinger ließ seinen Blick schweifen. Er sah in viele fragende Gesichter. Am anderen Ende des Raums klickte und blitzte es auf einmal, als Sandy Henske hereinkam. Sie zischte Leipert, dem Fotografen, mit gespielter Empörung etwas zu und ging dann mit geröteten Wangen weiter. Der Kommissar grinste: Bei Sandys Verehrern verlor selbst er hin und wieder den Überblick.

Dann hatte der Polizeipräsident das kleine Podium erreicht und nahm mit einem Nicken Platz. „Guten Abend, meine Damen und Herren“, eröffnete Lodenbacher, um Hochdeutsch bemüht. „Herr Maier wird Ihnen kurz die anwesenden Beamten vorstellen, dann werde ich ein paar einleitende Worte sagen, anschließend können Sie Ihre Fragen stellen und dann ...“ Er runzelte die Stirn. Er wusste offenbar selbst nicht so genau, was dann noch passieren würde, also endete er mit „... müsst mer’s haben.“

Die Vorstellungsrunde begleitete er mit wohlwollendem Nicken. Maier schloss mit den Worten: „Ich übergebe nun wieder an unseren allseits geschätzten Polizeipräsidenten.“

Kluftinger seufzte. Dieser Satz, gesprochen im Beisein praktisch der gesamten Direktion, würde Maier noch einmal leid tun.

„Jo, oiso, der Mord an dem Taxifahrer, diesem Herrn Siegfried Holz, ist über das Dienstliche hinaus uns allen an die Nieren gegangen. Wegen gerade einmal 257 Euro einen Menschen kaltblütig in den Rücken zu schießen, is ... wia soll ich sogn ...“

„Unfassbar“, schlug Maier vor.

„Jo, jo, sicher.“ Lodenbacher wirkte durch Maiers Zwischenruf aus dem Konzept gebracht. „Jedenfalls san unsere Leute mit den Ermittlungen weit fortgeschritten, wir erwarten sehr bald schon die Klärung. Aber oiß weitere wird Eahna jetzt eh der Hea Kluftinga, unser leitender Hauptkommissar sogn, do möchte ich goar ned vorgreifen.“

Priml! Er hatte es also wieder getan. Nun musste Kluftinger versuchen, die Erwartungen der versammelten Presse zu befriedigen – mit ... nichts. „Ja, also, grüß Gott zusammen. Als wir vor drei Tagen nachts nach Buchloe an den Tatort gerufen worden sind, da wussten wir noch nicht viel“, begann er zögernd, um sich etwas Zeit zu verschaffen. „Inzwischen sieht es so aus, als habe es sich um einen Raubmord gehandelt. Die bescheidenen Tageseinnahmen des Fahrers fehlen offensichtlich. Die Spurensicherung läuft unterdessen auf Hochtouren ...“ Er blickte zu Willi, der mit den Schultern zuckte. „Aber dazu kann Ihnen der Herr Renn dann Näheres sagen.“ Der Chef des Erkennungsdienstes warf ihm einen vernichtenden Blick zu, den Kluftinger seinerseits mit einem Achselzucken quittierte. Warum sollte es Willi besser ergehen als ihm? „Wir wissen mittlerweile auch, dass der Täter in Kaufbeuren am Bahnhof das Taxi bestiegen hat, und ...“

„Wie kommen Sie zu der Erkenntnis?“, rief eine Journalistin dazwischen, eine hübsche Frau mit dunklen Haaren. „Ich meine, Herr Holz war ja, wie wir wissen, keinem Taxiunternehmen angeschlossen und hat demnach auch niemandem seine Route durchgegeben.“

„Ich habe die Fragerunde noch nicht eröffnet“, mischte sich sofort Maier ein. „Entweder Sie halten sich an das Procedere oder ich ... ich lasse den Saal räumen.“

Die Beamten warfen ihrem Kollegen fragende Blicke zu. Kluftinger fuhr fort: „Schon gut, ich wollte eh gerade darauf kommen. Vielen Dank für die gute Frage.“

Maier verschränkte beleidigt die Arme und lehnte sich zurück.

„Also, wir haben so ein Ding gefunden bei dem Taxifahrer, mit dem hat der seine Fahrten angenommen. Da haben wir das gesehen. Und die Daten stimmen mit dem Taxameter überein.“

„Ding?“, fragten mehrere Pressevertreter gleichzeitig.

„Ja, mei, Sie wissen schon. So ein Handy.“

„Sie meinen, er hat einen Anruf gekriegt?“

„Ja. Nein. Keinen Anruf. Er hat so ein ...“ Kluftinger warf einen Hilfe suchenden Blick zu Maier, der jedoch demonstrativ wegsah. „Also, so ein ... Apple.“

Die Fragestellerin sah ihn zweifelnd an. „Er hatte ein iPhone?“

„Ja, schon.“ Kluftinger knetete nervös seine Finger. Er spürte die fragenden Blicke der Journalisten und der Kollegen und sah noch einmal zu Maier. Der schien noch einen Moment mit sich zu ringen, dann flüsterte er: „Eine App.“

„Hm?“

Maier nahm ein Blatt und schrieb darauf: „Sprich: Ebb.“

Jetzt hellte sich die Miene des Kommissars auf. „Genau, er hatte so eine Ebb, mit der man sich als Taxler rufen lassen kann, auf dem Handy. Deswegen wissen wir, von wo er abgefahren ist, das zeichnet das Handy dann alles auf, also ... quasi online. Leider nützt uns das nichts für die Ermittlung des Täters, denn das Handy, mit dem der Auftrag erteilt worden ist, ist vor einiger Zeit gestohlen worden und hatte nur eine Prepaidkarte drin. Soweit wir wissen, war Siegfried Holz der einzige, der so ein neumodisches Dings da in Betrieb gehabt hat, in Kaufbeuren. Manchmal kann neue Technik halt ganz schön gefährlich sein, gell?“ Kluftinger blickte in erschrockene Gesichter und fand selbst, dass seine Worte reichlich deplatziert klangen. „Ich wollt sagen, er hatte halt Pech, dass er der einzige war, da in Kaufbeuren. So mein ich.“

Die Journalistin, die gerade die Frage gestellt hatte, hob nun die Hand, doch Kluftinger fuhr fort: „Ja, wir haben die Kollegen am Bahnhof bereits befragt, und die erinnern sich auch, dass er da gewesen ist. Es hat wohl ein bissle Streit gegeben, weil er keine Taxirufzentrale benutzt, sondern eben dieses neue Zeugs. Aber leider kann sich kein Kollege an den Fahrgast von Holz erinnern.“ Sie senkte die Hand wieder und nickte dem Kommissar lächelnd zu.

„Wie sieht es denn mit den Spuren aus, von denen Sie vorher gesprochen haben?“ Diesmal war es ein Mann in einem abgewetzten Sakko, der die Frage stellte. „Deutet da schon etwas in eine bestimmte Richtung?“

Maier beugte sich wieder vor, sein Kopf war gerötet. Als er aber sah, dass ein Finger nach dem anderen in die Höhe fuhr, sagte er: „Hiermit eröffne ich jetzt die Fragerunde.“

„Vielen Dank, Richie“, versetzte Kluftinger leise. Dann wies er auf Willi: „Zu den Spuren wollte sich Herr Renn ...“

Dessen Kopf fuhr herum. „Wollte? Soso. Also. Die Spuren. Es sind sehr viele, es handelt sich ja um ein Taxi, da hinterlässt jeder Mitfahrer Abdrücke, Haare oder Hautschuppen. Von Textilfasern ganz zu schweigen.“

Nach dieser Einlassung des Erkennungsdienstlers blieb es ein paar Sekunden still, dann ergriff Maier wieder das Wort, der sich die Hoheit über den Ablauf offenbar zurückerobern wollte. „Ja, danke Herr Renn für diese Einschätzung. Gibt es vielleicht Fragen an den Herrn Böhm, unseren Gerichtsmediziner? Und bitte, wenn Sie ihn zitieren, achten Sie darauf, dass Sie nicht wieder Pathologe schreiben, das ist ja hier kein Fernsehkrimi, Pathologen sind nämlich ...“

„Danke, Richard, ich glaube die Damen und Herren haben verstanden“, mischte sich Böhm ein, der auch zu diesem Anlass eine seiner Baseballkappen trug – eine Respektlosigkeit, die Kluftinger Respekt abnötigte. „Also, was ich sagen kann, ist, dass dem Opfer von hinten direkt ins Herz geschossen wurde. Der Täter saß also auf der Rückbank und es gab keinen Kampf, das Opfer hatte den Blick nach vorn gerichtet, als ihn die Kugel traf. Immerhin dürfte er davon nicht viel mitbekommen haben, er war sofort tot, denn die Kugel kam aus einer großkalibrigen Waffe und hat ein ziemliches Loch gerissen.“

„Deswegen ist auch im ganzen Auto so eine Sauerei“, zischte Willi, was ihm einen strengen Blick des Polizeipräsidenten eintrug.

„Zu weiteren Erkenntnissen können wir im Moment wenig sagen“, schaltete sich Maier wieder ein. „Sie finden alle Infos auch noch auf dem Fact-Sheet, das ich Ihnen zusammengestellt habe. Herr Lodenbacher, wenn Sie vielleicht noch ...“

„Ja, dankschön, Herr Maier, fein ham S’ des g’mocht.“ Maier winkte mit gespielter Bescheidenheit ab und Lodenbacher hob zu einer Ode an die örtliche Polizeiarbeit an, versicherte, dass keinerlei Gefahr für die Bevölkerung bestehe, man alles im Griff habe, man ... In diesem Moment ertönte blechern eine bekannte Schlagermelodie. Lodenbacher stockte und kniff die Augen zusammen, die anderen Anwesenden sahen sich fragend an – bis auf Kluftinger, der versteinert ins Nichts starrte. Seine Nase verfärbte sich dunkelrot. Nach wenigen Sekunden verstummte die Melodie und Lodenbacher fuhr etwas irritiert fort: „Oiso, wia gsogt, wir rechnen in Kürze mit einem durchschlagenden ...“

Die rote Sonne von ...

Wieder hatte die Musik Lodenbacher unterbrochen, der nun ins Publikum zischte: „Daadn’s amoi den Schmarrn ausmocha?“

Nun beugte sich Kluftinger nach unten und zog im Schutz des Tisches sein Handy heraus, worauf der Polizeipräsident ihn ungläubig anblickte. Der Kommissar zuckte entschuldigend die Achseln.

...für dich und mich scheint sie immer noch...

In der Hektik kam er auf den falschen Knopf und nahm den Anruf versehentlich an. „Ja“, flüsterte er in den Hörer, was Lodenbachers Kiefer herunterklappen ließ.

„Jo, ich ... woit sog’n ... wo war ich ...“, holperte Lodenbacher weiter, während Kluftinger versuchte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Doch alles was er hörte, waren dumpfe Laute, von denen er nicht einmal sicher war, ob es sich um Stimmen oder andere Geräusche handelte. Einmal meinte er, einen Fluch zu hören, doch es konnte auch sein, dass der von Lodenbacher kam, der nun sichtlich geladen und fahrig seinen Vortrag zu Ende brachte, wobei sein Blick zwischen dem Kommissar und den Journalisten hin und her wechselte.

„Hallo?“, fragte Kluftinger in den Hörer, was, auch wenn es leise geschah, nicht zur Deeskalation der Situation beitrug. Aus zusammengepressten Zähnen zischte Lodenbacher ihn an: „Kluftinga, wenn Sie Ihr Gespräch kurz unterbrechen könnten, hier wären noch ein paar Fragen.“

Der Kommissar tauchte wieder unter dem Tisch hervor, sein Kopf war wegen der gebeugten Haltung und der peinlichen Situation stark gerötet. Da er nicht wagte, noch einmal seinen Blick zum Telefon zu senken, drückte er blind darauf herum in der Hoffnung, es so abzuschalten. Dann steckte er es wieder in die Hosentasche.

„Fragen? Gern“, erwiderte er und schaute lächelnd in die Runde, als habe es den Anruf überhaupt nicht gegeben.

„Meinen Sie, das könnte irgendein Mafiazeichen sein?“ Wieder die hübsche Journalistin.

Kluftinger verstand nicht, was sie meinte.

„Na, in Mafiakreisen gibt es doch Strafen für Verräter zum Beispiel, die dann eben auf eine bestimmte Art aus dem Weg geräumt werden. Könnte hier ein solcher Fall vorliegen?“

Ratlos blickte Kluftinger seine Kollegen an, die nur mit den Schultern zuckten. „Also, wir haben keinerlei Hinweise auf eine Beteiligung der organisierten Kriminalität“, erklärte er. Das tät uns gerade noch fehlen, fügte er in Gedanken hinzu.

Ein weiterer Finger ging hoch und während Maier noch damit beschäftigt war, sich die Reihenfolge der Wortmeldungen zu notieren, rief der Kommissar die Fragesteller bereits auf: „Gibt es im Kaufbeurer Bahnhof Überwachungskameras?“

Kluftinger nickte. „Ja, die Bahnsteige sind kameraüberwacht, aber die Bänder haben nichts ergeben. Wir können da niemanden zuordnen. Wir wissen ja noch nicht mal, ob der Täter mit der Bahn gekommen ist ...“

„... was aber sehr wahrscheinlich ist und in unseren Ermittlungen eine wichtige Rolle spuit“, vervollständigte Lodenbacher.

Kluftinger sah ihn entgeistert an und beschloss aufgrund der angespannten Atmosphäre einfach zu nicken. Nach weiteren mehr oder weniger belanglosen Fragen wurde er langsam ungeduldig und versuchte Maier mit Blicken zu sagen, das Ganze nun besser schnell zu beenden. Sein Kollege verstand und sagte deshalb: „Die letzte Frage jetzt bitte. Ja, Sie da vorne, das bekannte Gesicht aus dem Fernsehen ...“

Der Mann lächelte und begann: „Wenn Sie schon wissen, dass der Täter im Buchloer Bahnhof eingestiegen ist ...“

„Im Kaufbeurer Bahnhof“, verbesserte Maier. „Bitte ein bisschen Konzentration, auch für uns ist es nicht leicht zu dieser Stunde, ja?“

„Verreck“, entfuhr es in diesem Moment dem Kommissar, der ruckartig aufstand, worauf der neben ihm sitzende Maier sich unwillkürlich duckte, was bei den Journalisten für ebenso große Erheiterung sorgte wie bei Lodenbacher für Bestürzung.

Im Gehen bedeutete Kluftinger seinen Kollegen Hefele und Strobl, mitzukommen, und sie verließen schnellen Schrittes den Raum, von den fassungslosen Blicken Maiers und Lodenbachers begleitet. Im Hinausgehen hörte Kluftinger noch, wie Lodenbacher wieder das Wort ergriff und erklärte: „Der Herr Kluftinga hat gerade ... per Telefon ... einen wichtigen Einsatz ... mehr darf ich Ihnen darüber leider nicht sagen, Sie verstehen.“